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Ulrich Puritz

tüten, türen, gummireifen

tüten
Von der Bar einer ramponierten Hotelanlage in einem karibischen Fischerdorf aus betrachtete ich das Oval eines großzügig angelegten Swimmingpools. Die milchige Brühe darin muss einmal Wasser gewesen sein. Hierin trieb eine makellos weiße Plastiktüte. In Zeitlupe zog sie immer gleiche Bahnen. Mal sank sie und verschwand. Dann wurde sie wieder langsam eingeblendet. Kaum merklich veränderte sich ihre Form. Eine Skulptur, die „atmen“ und schweben konnte.

Rund um die Bar standen Schwarze zusammen. Sie lachten, tranken, plauderten, ganz mit sich selbst und ihrem Feierabend befasst. Meine Ohren waren mit ihnen. Meine Blicke blieben auf die Tüte gerichtet.

Das ist Jahre her. Noch heute muss ich an diese Tüte denken. Sie zeigte mir Schönheit von Tüten dort, wo jeder sie abgeschrieben hätte.

türen
Greifswald. Der Mauerfall war gut 14 Jahre her. Das verschlissene Mobiliar einer abgewrackten Autowerkstatt musste entsorgt werden. Zunächst waren Schranktüren und Bretter nichts anderes als verdrecktes und veröltes Zeug. Handschuhe waren nötig, um die Container zu füllen. Hier begannen Flickstücke, Spuren, Schmutz und Ölfilm zu sprechen. Zunächst von langer DDR-Zeit und handwerklichen Schlitzohrigkeiten, dazu gut, alltägliche Mängel zu überlisten. Dann kamen gesamtdeutsche Werkstattjahre zu Wort. Ihnen war zu entnehmen, dass Erfindergeist und Überlebenskunst von einst sich angesichts einer neuen Wirtschaftlichkeit nicht mehr rechneten.

Türen und Bretter habe ich wieder den Containern entnommen. Ihre Geschichten ließen mir keine Ruhe.

gummireifen
Die Fotografie aus dem Familienalbum zeigt meine Mutter und mich. Damals muss ich vier Jahre alt gewesen sein. Der Gummischlauch eines Autoreifens diente als Schwimmreif. Ich nannte ihn deshalb „Gummireifen“. Darin war ein Holzkreuz befestigt, auf dem ich sitzen konnte. Schwimmobjekt und Paddel waren Erfindungen meines Vaters, der wahrscheinlich auch das Foto geschossen hat. Der pralle Reif als sichere Insel im trüben Gewässer, das sicherlich allerlei Rätsel, Schätze und Scheußlichkeiten zu verbergen hatte.

Es war ein kurzer Moment am Teich von Schloss Griebenow bei Greifswald, der dieses weit zurückliegende und vergessene Bild gut fünfzig Jahre später wieder in Erinnerung brachte.  Ein kurzes Jetzt scheuchte unerwartet ein Stück Gestern auf. Mit Folgen.

die nichtigen dinge

Als Kind konnte ich einem Nagel im Rinnstein oder einem Kronkorken im Teerbelag ein Maß an Aufmerksamkeit schenken, welches Spaziergänge und Einkäufe für meine Eltern zur Geduldsprobe werden ließ. Nach wie vor interessieren mich Dinge, die zu Abfall wurden, weil Aufmerksamkeit und Fantasie von ihnen abgefallen sind. Sich selbst, der Zeit und dem Ort überlassen, berichten sie davon, was kaum einer weiß oder was keiner wahrhaben möchte.

Solche Dinge sind allgegenwärtig. Wo immer ich bin, wohin ich auch komme, sie grüßen als Erste und verabschieden sich zuletzt. Je ferner das Ziel einer Reise, desto näher treten sie an mich heran: inmitten des Regenwaldes leere Coladosen, an schönen Karibikstränden die Plastiktüten.

Gleichgültig, wie weit ich mich fortbewege und welchen Teil der Welt ich betrete, ich bin schon da – wie in der Geschichte vom Hasen und Igel. Mit dem Unterschied, ich bin Hase und Igel zugleich. Ich treffe auf jenen Teil von mir, der mich als Agenten einer Kultur ausweist, welche Lippenstifte, Duschgel, Motorsägen, Betonmischer, Wellblech oder eben Getränkedosen und Plastiktüten - einschließlich daran geknüpfter Versprechungen - weltweit verbreitet hat, dies nach wie vor tut und davon auch nicht lassen wird.

Als Agent wider Willen bin ich darum bemüht, mit Mitteln der Kunst meine Enttarnung zu betreiben. Nichtige Dinge helfen dabei. Als Darsteller, Hinweisgeber und Kontaktstelle.

 

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anwesend     
Jeder Ort stellt Fragen nach einem Jetzt – dem seinen, dem meinen, jenem, das Verbindung schafft und jenem, das trennt.

gegenwart
Ein Zimmer, ein Platz, eine Baulücke, eine Grünfläche... Räume und Orte sind Blickwerkstatt, Materialfundus, Formrepertoire, Indizien- und Geschichtensammlung, Aktionsfeld und Schaubühne. Darin tätig werden lässt mich gegen-wärtig sein.

kunst
... entsteht aus den Reibungen, Widerständen und dem Abgleich zwischen handgreiflicher, körperlicher Nähe und größtmöglichem gedanklichem Abstand zu Materialien, Formen, Zwecken, Bedeutungen und Zusammenhängen. Experimentelle Praxis - unter Mitwirkung von Assoziation, Intuition, Fantasie und Zufall - eröffnet Versuchsfelder, in denen Wissen, Erfahrungen, Sinne und Sichtweisen untersucht und weiterentwickelt werden können. So beteiligt sich Bildende Kunst an der Menschwerdung.

von ort zu ort, von raum zu raum, von auge zu auge
Meine künstlerischen Eingriffe vor Ort geben Aus-einander-Setzungen einen zeitlich befristeten materialen Ausdruck. Letzterer erzeugt seinerseits Ein- und Abdrücke. In Bildern, Objekten, Materialien, Erfahrungen und Ideen überdauern sie. Lange Zeit können sie unsichtbar bleiben, bis sich anderswo eine Möglichkeit bietet, zwischen Gestern und Morgen und zwischen Dir und mir neuerlich Gegen-Wart auszubreiten.

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